Mode

Manomama: Jeans Made in Germany

Sina Trinkwalder gründete 2010 Manomama, die erste ökofaire Textilfabrik in Deutschland. Sie liegt mitten im historischen Textilviertel von Augsburg. Foto: Kathrin Harms
Manomama stellt 8000 bis 10.000 Jeans, die „Augschburgdenim“, im Jahr her. Sie fertigen nach Bedarf, nicht auf Halde. Foto: Kathrin Harms
150 Frauen und Männer aus 25 Nationen arbeiten für Manomama. Anders als in Asien verdienen sie hier mehr als den Mindestlohn. Foto: Kathrin Harms
Die Augschburgdenim von Manomama sind komplett „Made in Germany“. Nur die Bio-Baumwolle stammt von einer Fair Trade-Kooperative aus Tansania. Foto: Kathrin Harms
Foto: Kathrin Harms

Jeans gelten gemeinhin als Mode-Umweltsünde. Aber es geht auch anders: zum Beispiel bei Manomama in Augsburg und ihrer öko-fairen Textilfabrik.

Auf dem Tisch liegt ein Stapel Jeans, nur der Bund fehlt noch. Ersan Salah (Namen geändert) prüft mit flinken Händen die Nähte. Der Näher und Maschinentechniker leitet gemeinsam mit Gunda Franke (Namen geändert) die Produktion bei Manomama. Sie, die Näherin und Ausbilderin, schließt gerade die Seitenteile einer Jeans mit einer Kappnaht. Ein Surren tönt durch die Fabrikhalle. Nähmaschinen brummen wie im Kanon, mal leiser, mal lauter. An normalen Tagen arbeiten hier 150 Frauen und Männer aus 25 Nationen unter den Neonröhren und steppen Jeans, T-Shirts und Stofftaschen zusammen. Wegen der Coronapandemie ist nur jeder zweite Platz besetzt.

Sina Trinkwalder, 42, hat das Unternehmen 2010 gegründet. Bewusst mitten im historischen Textilviertel Augsburgs. Bis Mitte der 1990er-Jahre produzierte hier die Neue Kattunfabrik Augsburg, eine weltbekannte Stoffdruckerei. An diesem Ort steht jetzt eine der ungewöhnlichsten Textilfabriken Deutschlands. Manomama stellt umweltfreundliche Kleidung her, hier werden schneller und unvoreingenommener Jobs vergeben und faire Löhne gezahlt. „Wir haben uns hier unsere Heimat gebaut und ich habe viel von Ersan Salah, Gunda Franke und den anderen gelernt“, sagt Trinkwalder. Franke war früher Musternäherin bei einem Trachtenhersteller. „Die kann nähen, da gehst du in die Knie vor Ehrfurcht.“ Ersan Salah habe schon in seiner tunesischen Heimat eine Jeansproduktion geleitet. Jeder hat seine Geschichte.

Das Miteinander ist Sina Trinkwalder wichtig. Ein Sozialunternehmen, wie oft geschrieben wird, sei Manomama aber nicht, darauf legt sie Wert. Es wird gewinnorientiert gearbeitet und auf staatliche Förderung und Subventionen verzichtet. 2019 betrug der Jahresumsatz rund sieben Millionen Euro. Zu Beginn hatte Trinkwalder überlegt, eine gemeinnützige Gesellschaft mit beschränkter Haftung zu gründen, sich dann aber bewusst dagegen entschieden. „Meine Leute sind ja nicht gehandicapt“, sagt sie.

„Wir fertigen nach Bedarf, nicht auf Halde“

Auf dem Balkon vor ihrem Büro erzählt sie, warum sie als Chefin einer Digitalagentur damals auf die Idee mit Manomama kam. Unzufrieden mit ihrem Job war sie schon länger, obwohl sie viel verdient habe. Zum Umdenken kam sie endgültig, als am Wuppertaler Bahnhof ein Obdachloser ihre gerade weggeworfenen Hochglanzmagazine aus dem Papierkorb fischte. Er wolle damit sein „Zuhause“ für Weihnachten schmücken, erklärte er ihr. In ihrem eigenen Zuhause angekommen, entschied sich Trinkwalder für ein neues Leben. Ein Jahr darauf erblickte das Modelabel Manomama das Licht der Welt. „Ich bin eigentlich wie meine Ladys und Gentlemen: Ich hab’ gar nichts gelernt, habe nach dem Abitur ein BWL- und Politikstudium abgebrochen und mit meinem damaligen Mann eine Digitalagentur aufgemacht.“

Mit Manomama stellt sie sich den Problemen, vor denen die Mode- und Textilindustrie überhaupt steht: dem Anbau konventioneller Baumwolle, dem extensiven Gebrauch von Chemikalien für Färbung, Ausrüstung, Veredelung und Transport. Dass es anders geht, zeigen sie. Die Firma fertigt jährlich zwischen 8000 und 10.000 Jeans mit dem Namen „Augschburgdenim“ – normalerweise. Im vergangenen Jahr waren es pandemiebedingt etwa 3000 Stück. Denn „wir fertigen nach Bedarf, nicht auf Halde,“ sagt Trinkwalder. Denim heißt der typische robuste Jeansstoff. Und „Augschburg“ ist die schwäbisch-robuste Aussprache von Trinkwalders Wahlheimat.

„Die beste Jeans ist, wenn sich der Hersteller nackig macht“, sagt Trinkwalder. Sie meint: wenn der Herstellungsprozess völlig transparent abläuft. Bei Manomama produzieren sie ökologisch und regional, mit Ausnahme des Rohstoffs. Die Biobaumwolle beziehen sie von Bio-Re, einer Fair-Trade-Kooperative aus Tansania. Bei deren Herstellung wird auf Chemie und Düngemittel verzichtet. Die Baumwollballen werden in Säcke geschnürt und per Schiff nach Bremerhaven geliefert. „Was die meisten nicht wissen, ist, dass die Chemie für die Logistik die Umwelt so schädigt“. Ein Seefrachtcontainer mit fertiger Kleidung wird mit hochgiftigen Chemikalien besprüht, damit die Ware ohne Schädlinge in Deutschland ankommt. Die Biobaumwolle für Manomama gelangt über die Bremer Baumwollbörse nach Nordrhein-Westfalen. Dort wird sie versponnen, gefärbt und verwoben. Anschließend kommt sie als Meterware nach Augsburg.

„Die beste Jeans: Wenn sich der Hersteller nackig macht“

Hier in der Augsburger Fabrikhalle werden die Jeans konfektioniert, sprich: zugeschnitten und genäht. Außer der Biobaumwolle stammen alle Zutaten bewusst von deutschen Herstellern. Zubehör wie Reißverschlüsse und Knöpfe kommen aus Wuppertal oder Darmstadt. Die Lederpatches sind vegetabil, also pflanzlich gegerbt. Von den „Augschburgdenim“ werden zwei Varianten hergestellt, jeweils für Damen und Herren. Beide werden nach dem „Global Organic Textile Standard“ gefärbt. Variante eins wird reaktiv gefärbt, das heißt, die Farbpigmente dringen ganz tief in die Faser ein und bleiben dort. Ganz ohne „Washout-Effekte“, damit nichts von der Farbe ins Abwasser gelangt. „Der Vorteil ist die Langlebigkeit“, sagt Trinkwalder. „Die Jeans sieht nach zehn Jahren noch so aus wie neu.“ Im Manomama-Shop kostet sie rund 100 Euro.

Variante zwei ist eine Natur-Indigofärbung, bei der eine Art Puder auf die Kettenden, dem Ende der Längsfäden an der Webkante, gebracht wird. Hier gibt es einen Washout-Effekt, diese Variante ist allerdings etwas teurer und kostet rund 120 Euro. „Wir appretieren die Jeans überhaupt nicht“ erklärt Trinkwalder, was soviel heißt wie: Sie verzichten auf Effekte wie Glanz oder Bügelfreiheit. Denn dazu bräuchte man Kunstharz. „Wenn ich Kunstharz auf eine Faser gebe wird sie zwar stabil, bricht aber auch leichter.“ Die Jeans hätte ein kürzeres Leben.

Trinkwalders Mode-Credo lautet: Weniger kaufen und dafür langlebig. „Wir haben uns bei der Produktionsqualität der absoluten Langlebigkeit verschreiben, das ist für mich der wichtigste Punkt.“ Außerdem recyceln sie bereits seit sechs Jahren die Stoffreste der Biobaumwolle. Gemischt mit neuen Fasern werden daraus wieder neue Stoffe gewebt.

An Trinkwalders Bürotür hängt ein ein elegantes schwarzes Kleid aus den 1980er-Jahren. Inspiration für etwas Neues. Schon lange träumt sie von einer klassischeren Linie. „Jil Sander ist mein großes Vorbild, wegen der Qualität und der exzellenten Schnitttechnik.“ Bei der Geschäftsaufgabe einer Musterschneiderei kaufte Trinkwalder ballenweise Wollstoffe, die für das französische Luxusmodehaus Chanel produziert wurden. Ein Glücksfall. Demnächst starten sie eine kleine, handwerklich anspruchsvolle Kollektion unter dem Dach von Manomama, mit dem Namen Est. „Dann fangen wir wieder dort an, wo alles begonnen hat. Hier im Augsburger Textilviertel ist ja die Wiege der hochwertigen Oberbekleidung.“ So bringt Sina Trinkwalder der historischen Textilstadt gemeinsam mit ihren Ladys und Gentlemen ein bisschen vom einstigen Glanz zurück.

Erschienen in: Das Magazin 5/21, Natur 2/21. Fotos: Kathrin Harms

Buchtipp: Heimat muss man selber machen

Die Manomama-Gründerin Sina Trinkwalder blickt zurück auf zehn Jahre ihres Unternehmens und schreibt darüber, wie wir gemeinsam eine lebenswerte Gesellschaft schaffen können. Von Sina Trinkwalder, dtv, 208 Seiten, Hardcover 18 €, E-Book 14 €.

Fakten über Jeans

7500 Liter Wasser werden normalerweise für die Herstellung von einem Paar Jeans verbraucht. Die Mode- und Textilindustrie ist für zehn Prozent der CO2-Emissionen und 20 Prozent der Verschmutzung von Industrieabwässern weltweit verantwortlich.

Rund 60 Kleidungsstücke kauft jeder von uns durchschnittlich pro Jahr, darunter zwei Paar Jeans. 80 Prozent unserer Kleidung landet am Ende im Hausmüll. Technisch ist das hundertprozentige Recycling von Natur- und Kunstfasern zu neuen Fasern seit kurzem möglich, es steckt aber noch in der Entwicklung.

Greenpeace hat mit der Detox-Kampagne seit 2011 weltweit große Modemarken aufgefordert, gefährliche Chemikalien aus der Produktion von Kleidung zu verbannen. Immerhin: 80 globale Marken von Adidas bis H&M beteiligten sich. Doch am Trend zum immer schnelleren, maßloseren Kleiderkonsum ändert das wenig.

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