Politisch, persönlich und poetisch sind meine Lieblings-Designs von der Dutch Design Week (DDW): Ein riesiges Solarsegel, leuchtend-bunte Möbel aus Altholz und Geschichten aus der Ukraine als Inspiration für Textilkunst. Welches Design mir sonst noch gefiel, lest ihr in meinem Reisebericht aus dem niederländischen Eindhoven, wo seit 25 Jahren jeden Herbst eine der größten Designmessen Europas stattfindet.
Vom Bahnhof Eindhoven Centraal geht’s zu Fuß zum Strijp-S, dem Viertel rund um die ehemalige Philipsfabrik und Herzen der Dutch Design Week (DDW). Seit meinem ersten Besuch vor neun Jahren fasziniert, überrascht und inspiriert mich die Designschau jedes Mal auf’s Neue. Inzwischen ist, dank kluger Architektur, rund um die alten Fabrikhallen ein pulsierendes Kreativviertel zum Wohnen und Arbeiten entstanden. Unter dem Motto „Past. Present. Possible.“ findet man bei der DDW25, über die ganze Stadt verstreut, Design für die Zukunft von jungen und etablierten Designern.
Schatten spendet Energie
Pauline van Dongen
Auf dem Ketelhuisplain, dem zentralen Platz zwischen den Gebäuden der einstigen Philipsfabrik, spannt sich ein blaues, 40 Quadratmeter großes Solar-Segel. Die Textildesignerin Pauline van Dongen für den „Umbra Pavillon“ das Solargewebe Heliotex® entwickelt. Für Anwendungen in Architektur und öffentlichen Räumen. Es bietet Sonnenschutz und Energieerzeugung in einem. Heute ist es bewölkt, bei Sonnenschein entsteht so ein Schattenplatz zum Verweilen auf den kreisrund angeordneten Betonbänken rundherum. In den leichten Segelstoff hat die Designerin Photovoltaikzellen eingewebt und mit einem Energiespeicher verbunden. Genauso können auch Pavillons, Festivalzelte oder textile Fassaden, Vordächer hergestellt werden. Als mobile Schattenspender, die zusätzlich Energie produzieren.
Piet Hein Eek Studio
Designermöbel und -objekte aus Altholz
Ein paar Gehminuten weiter komme ich zu einem zweistöckigen Backsteinbau. Über dem rostigen Portal steht in großen Lettern Piet Hein Eek. In der ehemaligen Keramikfabrik hat der international bekannte niederländische Designer sein Studio mit Showroom und Werkstatt. Das Konzept, aus Fundstücken und Altholz originelle, nachhaltige und umweltfreundliche Möbel herzustellen, verfolgt der Designer seit 1990. Aus seinem Diplomentwurf an der Designakademie Eindhoven, einem Schrank aus Holzlatten, entstand im Laufe der Jahre eine ganze Möbelkollektion. Durch die Fenster im Showroom kann man heute einen Blick auf die Fertigung seiner Möbelstücke und Objekte werfen.
Miteinander macht stärker
Teun Zwets, Jeroen Erosie und Jeroen van der Wielen
In den Gebäuden von Piet Hein Eek zeigen auch aufstrebende Designer ihre Arbeiten. Wie der Designer Teun Zwets, der Visual Artists Jeroen Erosie und der Fotograf Jeroen van der Wielen. Für die DDW25 haben sie die Ausstellung „Available Works“ konzipiert. In den kabinettartigen Räumen zeigen sie ihre Arbeiten und setzen sie in Beziehung zueinander. Teun Zwets Möbel in poppigen Farben aus Fundstücken, die er mit Autolack überzieht, stehen dort im Original. Van der Wielens hat diese Ensembles fotografiert, das zweidimensionale Bild hängt jetzt daneben. Jeroen Erosies grafische Bilder, hängen dazwischen. Die einzelnen Werke sind stark, miteinander wirken sie jedoch noch stärker.
teunzwets.nl
erosie.net
jeroenvanderwielen.nl
Keramik und Glas mit Glow
Studio Rens
Renee Mennen und Stefanie van Keijsteren von Studio Rens forschen in ihrem Designstudio mit Farben und Materialien wie Keramik und Glas. Bei der DDW25 zeigen sie ihre Experimente in Bewegung in verschiedenen Stadien ihrer Materialforschungen. Mit mathematischer Präzision fertigen sie handbemalte Fliesen und Glasobjekte mit leuchtende Mustern. Die glasierten Kacheln formen sie zu auch zu Lampen, Vasen und Möbeln. Ganz individuell und farbenfroh, eben mit dem Studio Rens-eigenen Glow.
Kazerne: Inspirierender Ort für Design und Kulinarik
Mit dem Elektro-Shuttle geht’s weiter in die City von Eindhoven, zu einem meiner Lieblingsorte: der Kazerne. 1825 als Militärpolizeikaserne gebaut, später Industrie-Warenhaus und Sitz der Stadtreinigung. Nach Renovierung der denkmalgeschützten Gebäude findet man hier – zwischen minimalistischen Betonwänden und freigelegtem Mauerwerk – einen Mix aus Design Galerie, Fine Dining Restaurant und Design Hotel. Die Gründer Annemoon Geurts und Koen Rijnbeek, einst Besitzer eines Design Studios, veranstalteten auch kulinarische Pop-ups zur Dutch Design Week. Seit 2014 leben sie mit der Kazerne ihren Traum von einem permanenten Ort der Inspiration und Kulinarik für die Design-Community.
Kämpfen, fliehen oder erstarren?
Sofiia Bondar, Daryna Pasyuta, Tetiana Samiliv, Marjo van Schaik und Fulco Treffers
Mitten in der inspirierenden Designausstellung in der Kazerne, werden die Zuschauer plötzlich ganz still und nachdenklich. Ein Kollektiv von Urban- und Textildesignern aus der Ukraine und den Niederlanden hat sich unter dem Titel „Fight, Flight or Freeze?“ damit beschäftigt, wie Menschen reagieren, wenn mitten in ihren Alltag plötzlich Krieg herrscht. Ihre Tagebucheinträge mit Tuschskizzen in gedämpften Farben, Rüstungen aus Schafwolle und geflochtenen Landkarten aus Hanf zeugen von der Suche nach neuen Perspektiven ihres Alltags, wo ihnen die Worte fehlen. Man spürt, beim Anschauen ihrer Werke, wie die Designer ihre Erinnerungen und Ängste kreativ verarbeiten. Auch wenn man das als Zuschauer vielleicht nur im Entferntesten erahnen kann. Jedenfalls wird diese Ausstellung noch lange nachwirken.
Weiter geht’s mit meinem Reisebericht von der Dutch Design Week 25 – Teil 2 hier.