Ein Sessel aus Moos und Pilzen, Wandteppiche mit postkolonialen Geschichten und Glasdesign wie Seifenblasen. Auch diese Lieblingswerke von der Dutch Design Week 2025 sind politisch, persönlich und poetisch. Welches Design mir sonst noch gefiel, lest ihr im zweiten Teil meines Reiseberichts aus Eindhoven.
„Past. Present. Possible.“ lautet das Motto der Dutch Design Week 25 (DDW25). Dem widmen sich auch die jungen und etablierten Designern in der Kazerne und im Van Abbe Museum mit ihren Werken. Sie verbinden ihren Blick zurück mit unserer Gegenwart und entwerfen damit Design für unsere Zukunft.
Kazerne: Design-Lab zeigt Poetisches
Glasdesign wie Seifenblasen
Merel Karhof
Weiter geht’s in der Kazerne zu den poetisch-zauberhaften Glasobjekten „Bubbled Matter“ von Merel Karhof. Sie sehen aus wie überdimensionale Seifenblasen aus Glas, die die Designerin zu Objekten geformt hat. Mit ihren Arbeiten erforscht sie Handwerk und Material auf innovative, nachhaltige Weise und kombiniert das mit verschiedenen Methoden der Glasbläserei.
Merel Karhof fängt ausgeatmete Luft in Glasblasen ein, und macht so Atem sichtbar. Das gelang vor ihr keinem anderen Glasbläser. Dazu kombiniert sie die Glasbläserei mit dem Slumping – in Letzterem wird flaches Glas erhitzt und über eine Form gelegt. Die Blasen fallen während des Slumping-Prozesses nicht zusammen oder zerbrechen, sondern verschmelzen miteinander. Das Zusammenspiel aus heißer Luft und Ausdehnung schafft luftdicht versiegelte Glasblasen – was eigentlich den „Naturgesetzen“ der Glasbläserei widerspricht.
Die Inspiration zu „Bubbled Matter“ kam Merel Karhof durch ein Bild der britischen Künstlerin Georgina Starr, auf dem drei Mädchen Kaugummiblasen gegeneinander pusten.
Van Abbe Museum: Design für den Wandel
Meine letzte Station ist das Van Abbe Museum, nur einen kurzen Spaziergang von der Kazerne entfernt. In der Ausstellung „Bridging Minds“ will Kuratorin Miriam van der Lubbe, Co-Gründerin und Kreativ-Direktorin der Dutch Design Week, die verbindende Kraft des Designs zeigen. Mit ihren Werken schlagen aufstrebende und etablierte Künstlerinnen und Designer Brücken zwischen verschiedenen Welten und Fachgebieten und gestalten so unsere Zukunft. Das Konzept: 100 Werke, 10 Räume, 10 Themen.
Design für’s Gefühl
A + N Studio
„To care for yourself and each other“ ist das Motto in einem der Räume. Ein filigraner Raumteiler fällt mir ins Auge. Unzählige runde Papierplättchen aus dünnem Japanpapier sind wie Perlenschnüre aufgefädelt und an Stahlseilen dicht nebeneinander befestigt. Wenn ein Lufthauch durch sie hindurch strömt, verwandelt sich die gesamte Oberfläche in eine organische Struktur.
Ihr Raumteiler „Metamorphosis“ sei gleichzeitig poetisch, raffiniert und bereichere die Umgebung, sagen die Designerinnen Alissa van Asseldonk und Nienke Bongers vom A + N Studio. Der Entwurf basiere auf der Attention-Restoration-Theory aus der Umweltpsychologie. Demnach belebt ihr Werk die Sinne und fördert Konzentration und Fokus. Fürsorge und Zuwendung zum Sehen und Fühlen für moderne Arbeitsumgebungen und öffentliche Räume oder das eigene Heim.
Natur als Designerin
Eric Klarenbeek und Maartje Dros
„To feel connected to nature“ lautet der Titel eines weiteren Raums. Ich steuere auf einen mit Moos verkleideten Stuhl im Glaskasten zu, der mich schon von Weitem fasziniert: den „Moss Chair“ des Designduos Eric Klarenbeek und Maartje Dros. Die Zwei forschen an Plastikalternativen für ihr Design. Denn sie wollen Möbel und Gebäude nicht mehr herstellen, sondern wachsen lassen. Als Pioniere an der Schnittstelle zwischen Natur und Biotechnologie haben sie 2010 weltweit den ersten 3D-Druck mit lebenden Pilzen entwickelt. Genauer: mit Myzelium, dem Wurzelgeflecht von Pilzen – das schnell zu einer netzartigen Struktur zusammen wächst.
Für den „Moss Chair“ haben sie den, lokal im Labor gezüchteten, Pilzwerkstoff mit Holzfasern aus Sägemehl, Algen und Moos zu einem Möbel wachsen lassen. Die Designer arbeiten mit der Natur, anstatt gegen sie, und lassen sich von ihrem Rhythmus inspirieren.
Wer die DDW25 verpasst hat, kann den „Moss Chair“ vom 17.07.2026 bis 10.10.2027 in der Ausstellung „Klarenbeek & Dros –Design of the Unusual“, in der Pinakothek der Moderne in München, sehen.
Design zwischen Tradition und Moderne
Marcos Kueh
„To feel acknowledged“ verspricht der nächste Raumtitel. Von der Decke hängen fünf riesige Webteppiche – der „Kenyalang Circus“ von Marcos Kueh. Aufgewachsen auf der malayischen Insel Borneo, beschäftigt sich der Grafik- und Textildesigner mit der Identität und Wahrnehmung Malaysias. Prächtige Masken, Augen und filigrane Ornamente in Gelb, Violett und Orange sind auf den Webteppichen zu sehen. Zwischen den Ornamenten lese ich „Reconciliation“ (Versöhnung), Homo Hospitality (Menschliche Gastfreundschaft) und „Money Minded“ (Geld orientiert).
Marcos Kueh will mit seiner Kunst Lebenserfahrungen aus der Kindheit auf Borneo mit den Herausforderungen der Moderne und der Globalisierung in Einklang bringen. Mit seinen Textilien will der Künstler Geschichten erzählen. Dabei greift er auf traditionelle Webtraditionen aus Borneo zurück. In seinen Kunstwerken erforscht er zeitgenössische Legenden aus dem Alltag – wie es seine Vorfahren auf Borneo mit ihren Träumen und Geschichten taten – bevor schriftliche Alphabete aus dem Westen Einzug hielten. Heute lebt und arbeitet Marcos Kueh in den Niederlanden. Bei den Dutch Design Awards 2003 wurde er als „Young Designer of the Year“ ausgezeichnet.
Ein Tag ist wieder einmal viel kurz, um all die inspirierenden Designs, Entwürfe und Studien der Dutch Design Week 25 anzuschauen. Ich freue mich schon sehr auf die DDW26 in Eindhoven, dann hoffentlich mit etwas mehr Zeit.
Teil 1 meines Reiseberichts von der Dutch Design Week 25 lest ihr hier.